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/ 05.06.2013
Emmanuel Todd

Das Schicksal der Immigranten. Deutschland, USA, Frankreich, Großbritannien. Aus dem Französischen von Rainer Dachselt, Petra Willim und Julia Ziegler

München: Claassen 1998; 418 S.; geb., 44,- DM; ISBN 3-546-00135-4
Wie ergeht es Immigranten aus Ländern der Dritten Welt in unterschiedlichen westlichen Ländern? Dieser Frage geht Todd aus einer sozialanthropologischen Perspektive nach: "Jeder Mensch ist Vertreter eines spezifischen anthropologischen Systems, dessen Herzstück die Familienstruktur darstellt, die wiederum eine bestimmte Art zu leben nach sich zieht und auf der gewisse religiöse und weltanschauliche Überzeugungen beruhen. [...] Im Zentrum des Familiensystems steht der Status der Frau." (13) Aus dieser Perspektive unterscheidet der Autor zwischen zwei kulturellen Matrizen, einer universalistischen und einer differentialistischen. Dabei sei Frankreich das Beispiel für eine universalistische Kultur, während England, die USA und Deutschland differentialistische Kulturen seien. Der Unterschied besteht nach Todd darin, daß in Frankreich die Assimilation aus einem echten Glauben an die universelle Gleichheit aller Menschen heraus vorangetrieben wird, während es gerade in Deutschland und den USA notwendig sei, eine Paria-Gruppe zu definieren (Türken respektive Schwarze), die als ein Beispiel für das schlechthin Fremde die Assimilation anderer Minderheiten erst ermöglichten. So zeigt sich in der Argumentation des Autors, "daß die Frage, ob jemand ein Recht auf Differenz hat oder nicht, am Problem vorbeigeht" (15). Viel wichtiger seien die ideologischen und anthropologischen Rahmenbedingungen, die eine Assimilation ermöglichten oder verhinderten. Diese Rahmenbedingungen seien auch für das Erscheinungsbild einer Demokratie verantwortlich. Auch auf diesem Gebiet habe Frankreich einen großen Verdienst errungen: "Der wesentliche Beitrag Frankreichs zur Geschichte der Menschheit liegt gerade darin, daß es die Demokratie aus ihrer ursprünglich ethnischen Schale herausgelöst und die Gesamtheit der Bürger definiert hat, ohne dabei die Begriffe Rasse oder Blut ins Spiel zu bringen." (20) Inhaltsübersicht: 1. Universalismus und Partikularismus: Symmetrie und Asymmetrie in den mentalen Strukturen; 2. Differentialismus und Demokratie in Amerika 1630-1840; 3. Die Assimilation der Weißen in den Vereinigten Staaten; 4. Die Segregation der Schwarzen in den Vereinigten Staaten; 5. Die multikulturalistische Illusion; 6. England: Klassendifferentialismus kontra Rassendifferentialismus; 7. Das Stammfamiliensystem: die Wahrnehmung der Differenz und der Traum von der Einheit; 8. Assimilation und Segregation in Deutschland; 9. Frankreich: der universale Mensch auf eigenem Territorium; 10. Die Emanzipation der Juden; 11. Die Desintegration des maghrebinischen anthropologischen Systems; 12. Frankreich und die Hautfarben.
Markus Lang (ML)
Dr., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 4.422.642.612.232.35 Empfohlene Zitierweise: Markus Lang, Rezension zu: Emmanuel Todd: Das Schicksal der Immigranten. München: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7261-das-schicksal-der-immigranten_9688, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 9688 Rezension drucken
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