/ 04.06.2013
Ruth Wodak / Rudolf de Cillia / Martin Reisigl / Karin Liebhart / Klaus Hofstätter / Maria Kargl
Zur diskursiven Konstruktion von nationaler Identität
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1998; 567 S.; 32,80 DM; ISBN 3-518-28949-7Erst nachdem die gewaltsamen Anfänge der Nationen und viele ihrer internen Differenzen nach einer entsprechenden politischen Manipulation und Steuerung "in Vergessenheit" geraten waren, konnte sich Nationalbewußtsein breitmachen und konsolidieren. Der Weg hin zu dieser nationalen Identifikation war und ist in der Regel mit monumentalischen Erzählungen gepflastert, die historische Disgruenzen narrativ einebnen.
Wenn die Nation laut Benedict Anderson (1988) eine vorgestellte Gemeinschaft darstellt, mithin ein mentales Konstrukt oder imaginärer Vorstellungskomplex ist, der die Bestimmungselemente der kollektiven Einheit und Gleichheit, der Begrenzung und der Autonomie enthält, dann kommt dieser Imagination soweit Realität zu, wie man von ihr überzeugt ist und sich emotional mit ihr identifiziert. Die AutorInnen beantworten die Frage, wie diese imaginäre Vorstellung in die Köpfe derer gelangt, die an sie glauben: Sie wird diskursiv konstruiert und vermittelt, und zwar in erster Linie in Erzählungen einer Nationalkultur. Die nationale Identität ist somit das Produkt von sprachlichen Formationen, deren Wirkungsmacht ihr erst 'Realität' verleiht.
Die Wiener ForscherInnengruppe will mit Hilfe der sogenannten "Kritischen Wiener Diskursanalyse" den weitgehend kontingenten und imaginären Charakter von "Nationen" aufweisen und dadurch das Bewußtsein für dogmatische, essentialisierende und naturalisierende Konzeptionen von "Nation" und "nationaler Identität" schärfen. Zu diesem Zweck werden fünf Untersuchungskorpora herangezogen: politische Gedenkreden, Zeitungsartikel, Werbeplakate und -sendungen sowie Einzelinterviews und Gruppendiskussionen. Anhand dieser Quellen werden konkurrierende nationale Identitätsfigurationen und divergierende narrative Identitätsentwürfe miteinander verglichen. Inhaltlich werden folgende Elemente nationaler Identität(en) herausgearbeitet: erstens die sprachliche Konstruktion des "Homo austriacus" und des "Homo externus", zweitens die Narration und Konfabulation der gemeinsamen politischen Geschichte, drittens die sprachliche Konstruktion der gemeinsamen Kultur, viertens die der gemeinsamen politischen Gegenwart und Zukunft und fünftens die sprachliche Konstruktion des "nationalen Körpers".
Die "Wiener Diskursanalyse" sieht sich bewußt in der philosophischen und soziologischen Tradition der Kritischen Theorie und grenzt sich damit von poststrukturalistischen und postmodernen Traditionen ab, denen sie (zu Unrecht) den "Tod des Subjekts" zum Vorwurf macht. Ihre Diskursanalyse solle statt dessen das einzelne Subjekt zur Verantwortung ziehen können und die oft undurchsichtigen Formen der Machtausübung, der politischen Kontrolle und Manipulation sowie der diskriminierenden Unterdrückungs- und Exklusionsstrategien im Sprachgebrauch sichtbar machen.
Die Untersuchung bestätigt die zentrale Annahme, daß nationale Identitäten diskursiv produziert und reproduziert werden. Institutionelle Praxis kann dabei durchaus im Widerspruch zu den diskursiven Entwürfen der Identitäten geraten.
Claudia Bruns (CB)
Dr., Historikerin.
Rubrizierung: 2.4 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Claudia Bruns, Rezension zu: Ruth Wodak / Rudolf de Cillia / Martin Reisigl / Karin Liebhart / Klaus Hofstätter / Maria Kargl: Zur diskursiven Konstruktion von nationaler Identität Frankfurt a. M.: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4190-zur-diskursiven-konstruktion-von-nationaler-identitaet_5904, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 5904
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Dr., Historikerin.
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