/ 20.06.2013
Bettina Vogel-Walter
D'Annunzio - Abenteurer und charismatischer Führer. Propaganda und religiöser Nationalismus in Italien von 1914 bis 1921
Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2004 (Beiträge zur Kirchen- und Kulturgeschichte 15); 400 S.; brosch., 56,50 €; ISBN 3-631-53304-7Vogel-Walter erhebt den Anspruch, als erste die Rolle von Gabriele d'Annunzio bei der Besetzung von Fiume (1919-1921) und den Stellenwert dieses Ereignisses für die italienische Geschichte zu beleuchten. Sehr akribisch werden einzelne Stationen im Leben des italienischen Dichters, den sie als paradigmatisches Beispiel eines charismatischen Führers interpretiert, und die historische Situation Italiens seit dem Ersten Weltkrieg bis zum Ende seiner Regentschaft geschildert. D'Annunzio erscheint eher als Repräsentant der Moderne denn als Vorbote des Faschismus, denn die von ihm betriebene Ästhetisierung von Politik und Leben sei „kein Merkmal der Totalitarismen, sondern der rationalen Moderne, die keine Werte mehr über Transzendenz begründete“ (129). Sowohl die Beschreibung der Nachkriegssituation in Italien als auch die Interpretation nach Weber’scher Terminologie sind mit einigen Einschränkungen plausibel. Dass Vogel-Walter ein sympathisches Verhältnis zu ihrem Sujet entwickelt, ist verständlich aber prekär, wenn die historische Sorgfalt sich nicht die Waage mit einer notwendigen ideengeschichtlichen Auseinandersetzung hält. Dies führt nicht nur zu einigen interpretatorischen Unausgewogenheiten. Vor allem wird d'Annunzio damit als quasi-freischwebende Ausnahmeerscheinung präsentiert, was zur bewussten Ausblendung einer politisch-strukturellen Analyse führt. Stattdessen beschränkt sich die Autorin auf die Skizzierung einzelner literarischer Motive, womit sich methodisch Zitat und Kommentierung weit reichend annähern und inhaltlich die übrigen politischen Akteure – trotz ausführlicher Behandlung - zwangsläufig als Statisten für die Kapriolen des Poeten in den Hintergrund treten. Ein zweites Problem der Arbeit vergegenwärtigt der Begriff der charismatischen Herrschaft. Wenn Weber das Charisma als revolutionäre Macht in traditional gebundenen Epochen versteht, so muss auch die Frage beantwortet werden, worin die soziale Neuorientierung im Falle d'Annunzio liegt und wer dessen kurzweilige Herrschaft beerbt.
Frank Schale (FS)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.61 | 2.25 | 5.46
Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Bettina Vogel-Walter: D'Annunzio - Abenteurer und charismatischer Führer. Frankfurt a. M. u. a.: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/23790-dannunzio---abenteurer-und-charismatischer-fuehrer_27345, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 27345
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
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