/ 22.06.2013
Andreas H. Apelt / Martin Gutzeit / Gerd Poppe (Hrsg.)
Die deutsche Frage in der SBZ und DDR. Deutschlandpolitische Vorstellungen von Bevölkerung und Opposition 1945-1990. Hrsg. im Auftrag der Deutschen Gesellschaft e. V., des Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Berlin: Metropol 2010; 287 S.; 22,- €; ISBN 978-3-940938-60-2Wie tief greifend die deutsche Teilung die Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten der Opposition prägte, beschreibt der Politikwissenschaftler Winfried Thaa in einem der aufschlussreichen Beiträge dieses Tagungsbandes. Durch die Verknüpfung von Zivilgesellschaft, Demokratie und Nation kommt er zu einer Erklärung für die fehlenden deutschlandpolitischen Ziele der Opposition, die sich in den 80er-Jahren gegen das SED-Regime zusammenfand, sowie für deren Bedeutungslosigkeit im Prozess der Wiedervereinigung. Diese Analyse geschieht in der Folge der vorangegangenen, chronologisch geordneten Beiträge und Podiumsdiskussionen, die 2009 in Berlin stattfanden, mit dem Ziel, die deutschlandpolitischen Meinungen der DDR-Bürger zu erkunden. Es zeigt sich, dass der Blick nach Westen via Radio und Fernsehen eine Konstante im Leben vieler Menschen war und der Gedanke an die Einheit – verbunden mit Demokratie und Meinungsfreiheit, wie Hermann Weber betont – so etwas wie eine Tiefenströmung in der Gesellschaft der DDR darstellte. Auf die Opposition aber, so Thaa, wirkte sich die deutsche Frage spezifisch (man möchte sagen: hemmend) aus: Erstens habe diese die Entwicklung einer zivilgesellschaftlichen Orientierung der Opposition verzögert, wie der vergleichende Blick auf andere Länder des ehemaligen Ostblocks zeige. So habe in Polen die Unterstützung der Opposition „die Bekräftigung einer durch Abgrenzung zum kommunistischen Regime gewonnenen, menschenrechtlich aufgeladenen nationalen Identität“ (173) bedeutet. In der DDR dagegen habe eine Gemeinsamkeit der Opposition lange Zeit in der Abgrenzung gegenüber der Bundesrepublik und in einem Bekenntnis zum eigenen Staat bestanden. Zweitens sei die gesellschaftliche Öffentlichkeit, die 1989 „überraschend schnell entstand“, angesichts „der Unmöglichkeit, eine nationale Identität ins Spiel zu bringen, beim Schritt von der Mobilisierung der Öffentlichkeit zur Demokratisierung ins Stolpern“ (166) geraten und vom politischen System der Bundesrepublik aufgefangen worden. Richard Schröder erklärt den Misserfolg der Bürgerbewegungen mit deren hochmütiger Haltung: Propagiert hätten sie am Willen der Bürger vorbei „eine Alternative zur kapitalistischen Bundesrepublik, ökologisch, pazifistisch, basisdemokratisch – kurz: etwas Herrliches, das die Welt noch nicht gesehen hat“ (266).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314 | 2.313 | 2.315
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Andreas H. Apelt / Martin Gutzeit / Gerd Poppe (Hrsg.): Die deutsche Frage in der SBZ und DDR. Berlin: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32723-die-deutsche-frage-in-der-sbz-und-ddr_39063, veröffentlicht am 09.11.2010.
Buch-Nr.: 39063
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