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/ 22.06.2013
Michael Ley

Die kommende Revolte

München: Wilhelm Fink Verlag 2012; 138 S.; kart., 16,90 €; ISBN 978-3-7705-5334-1
In Europa drohe das Projekt der Moderne zu scheitern – so lautet die Befürchtung Leys, der ein düsteres Szenario entwirft, gekennzeichnet durch wachsende Kriminalität, urbanen Zerfall, ethnische Auseinandersetzungen, Bandenkriege und politische Radikalisierung. Diese Drohkulisse basiert nicht auf Daten und genauer sozialwissenschaftlicher Analyse, sondern wird essayistisch aufbereitet und kann damit als Denkanstoß eingeordnet werden. Als Ausgangspunkt wird die (nach Leys Ansicht wohlstandsgefährdende) Schnittstelle zwischen der Überalterung der Gesellschaft und dem Multikulturalismus dargestellt. Letzterem sei es misslungen, Zuwanderer sinnvoll zu integrieren. Zunächst aber geht Ley von zwei durchaus fragwürdigen Prämissen aus: In Anlehnung an Alexander Mitscherlichs Analyse aus der Nachkriegszeit wird der Mensch als emotional und psychisch obdachlos charakterisiert und angebunden an den Ödipus-Komplex nach Freud als „herrenloser Erwachsener“ (22) definiert. Was damit völlig fehlt, ist eine zeitgemäße Verortung des Menschen in der globalisierten, neoliberalen Gesellschaft, die doch auch auf jahrzehntelange Erfahrungen mit Bürgerbewegungen und politischem Engagement zurückblicken kann. Der Grund für diese Ausblendung lässt sich ansatzweise dem Kapitel über die 68er-Generation entnehmen. Diese habe aus der politischen Katastrophe ihrer Eltern nichts gelernt, schreibt Ley. „Sie wollten wiederum die Welt erlösen.“ (49) In der Fußnote ist nachzulesen, dass damit „natürlich nicht alle Menschen dieser Generation gemeint [sind], sondern die politisch aktiven linken 68er“ (135). Mit Eric Voegelin verweist Ley darauf, dass der Prozess der westlichen Zivilisation eine schleichende Überhöhung des Menschen zur Folge habe, und diskutiert im Rückgriff auf zuvor Publiziertes die Totalitarismen als Erlösungsvorstellungen. Flott geht es weiter, Kasimir Malewitsch und Richard Wagner werden quasi in einem Atemzug genannt und die Anfang des 20. Jahrhunderts virulente Idee des neuen Menschen aus dem historischen Zusammenhang gerissen und heruntergebrochen auf die Aussage, dass „viele Künstler der Avantgarden [...] die Freiheit der Kunst [missbrauchten], um totalitäre Strömungen zu gründen oder zu unterstützen“ (48). Leys Hauptanliegen ist jedoch, den Multikulturalismus als Trugschluss zu entlarven – der Versuch, den Islam in Europa zu integrieren, sei ein „Rückschlag auf dem Weg zu einer europäischen Zivilisation“ (79), da er nicht mit dem Rechtsstaat vereinbar sei. Die Integration von Minderheiten könne nur „im Rahmen einer übergeordneten Zivilisation erfolgen“ (76) – einen Beleg für die Suggestion, dass bisher im westlichen Europa anderes versucht wird, bleibt Ley schuldig.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.22.222.232.255.42 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Michael Ley: Die kommende Revolte München: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35006-die-kommende-revolte_42118, veröffentlicht am 30.08.2012. Buch-Nr.: 42118 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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