/ 21.06.2013
Roman Grafe (Hrsg.)
Die Schuld der Mitläufer. Anpassen oder Widerstehen in der DDR
München: Pantheon 2009; 204 S.; 14,95 €; ISBN 978-3-570-55106-6Grafe hat bereits 2002 und 2004 Bücher veröffentlicht, mit denen er die Mauer („Grenze durch Deutschland“, ZPol-Nr. 20185) und die juristische Aufarbeitung der Tötung von Flüchtlingen („Deutsche Gerechtigkeit“, ZPol-Nr. 25660) wie wohl kein zweiter Publizist im kollektiven Gedächtnis der Deutschen zu verankern versucht hat. Auch mit diesem neuen Sammelband leistet er als Herausgeber einen weiteren Beitrag bei der Einordnung der DDR in die deutsche Geschichte – und zwar wieder, indem das Geschehene personalisiert wird. Abstrakte Strukturen spielen praktisch keine Rolle, im Mittelpunkt stehen immer der einzelne Mensch und seine Entscheidungen. In diesem Band lässt Grafe Zeitzeugen zu Wort kommen, die kurz und prägnant ihre eigene Biografie Revue passieren lassen und dem Punkt nachspüren, an dem entweder sie selbst oder andere Menschen aus ihrem Umfeld zum Mitläufer der Diktatur wurden – oder auch, warum sie genau dies nicht (mehr) sein wollten. Stellvertretend für viele steht beispielsweise der Schriftsteller Lutz Rathenow, der sich aus rein egoistischen Gründen zwecks späterer Karriere zu den Grenztruppen gemeldet hatte – und von Selbstekel gepackt wurde. Außerdem schreiben unter anderem Wolf Biermann, Erich Lost und Freya Klier. Sie werfen – durchaus nach allerlei Erwägungen – einen schonungslosen Blick auf die vielen Menschen in der DDR, die, um ihr bescheidenes bürgerliches Dasein nicht zu gefährden, als kleine Rädchen im Getriebe die Diktatur am Laufen gehalten haben. Als Konsequenz wird keineswegs Heldenmut eingefordert, sondern die einfache Frage gestellt, warum so viele Mitläufer es nicht einfach unterlassen haben, der Diktatur gefällig zur Hand zu gehen und – im extremsten Fall – als Grenzsoldat nicht einfach gefahrlos daneben geschossen haben. Diese kleinen Verweigerungen, so der Tenor, wären möglich gewesen und hätten durchaus einen Unterschied bedeutet. In einem abschließenden Beitrag kritisiert Grafe außerdem die Darstellung der DDR in Filmen wie „Das Leben der anderen“, die – als Unterhaltung konzipiert – ein falsches Bild vermittelten und die Vergangenheit verharmlosten.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Roman Grafe (Hrsg.): Die Schuld der Mitläufer. München: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31475-die-schuld-der-mitlaeufer_37467, veröffentlicht am 15.12.2009.
Buch-Nr.: 37467
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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