/ 04.06.2013
Margret Jäger / Siegfried Jäger
Gefährliche Erbschaften. Die schleichende Restauration rechten Denkens
Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag 1999; 216 S.; 16,90 DM; ISBN 3-7466-7019-5Methodische Ausgangsposition des Buches ist der Versuch, Victor Klemperers Analyse der Lingua Tertii Imperii als Konzept nutzbar zu machen für eine Untersuchung gegenwärtigen rechten Gedankengutes. Dementsprechend widmet sich der erste Teil des Buches einer Darstellung von "Victor Klemperers Sprach- und Kulturkritik" (13 ff.), während der zweite Teil "Die Sprache der extremen Rechten heute. Mediendarstellung und Medienrezeption" (63 ff.) untersucht und der abschließende dritte Teil dem Thema "Rechtsaußen in der 'Mitte'? Völkische Ideologie im öffentlichen Diskurs der Gegenwart" (103 ff.) gewidmet ist. Dies deutet auch bereits das ausgesprochen weitreichende und mit heftigen Vorwürfen operierende inhaltliche Programm der Autoren an: sie gehen davon aus, daß die lange beachteten Tabus rechten Denkens und rechter Ideologie inzwischen gebrochen sind, und daß dies anhand der Sprache im öffentlichen Diskurs, vor allem in den Medien, nachweisbar ist. Auch wenn sie nur wenig direkte Anknüpfung an die Ideen der Konservativen Revolution der Zwischenkriegszeit sehen, glauben sie hier doch eine fortgeführte Traditionslinie zu erkennen. Gefährlich werde dies vor allem dadurch, daß entsprechende Gedanken nicht mehr auf einen kleinen Kreis von Extremisten beschränkt, sondern inzwischen breit in der vermeintlichen politischen Mitte vertreten und akzeptiert sei, die sich damit als gedanklich rechtsradikal infiltriert entlarvt. Als Beleg untersuchen Jäger/Jäger in erster Linie den ihrer Meinung nach viel weiter als gemeinhin angenommen verbreiteten ausländerfeindlichen Rassismus, daneben aber auch Diskurslinien, die sich auf die EU, auf die "Militarisierung" Deutschlands, den "Mythos der Familie" und "innere Feinde" beziehen. Der Vorwurf an die Medien wie Spiegel, Focus, Bild und n-tv ist weitreichend: durch "rassistische Konstruktionen" (122) tragen sie zur Erzeugung von Gewalt bei. Selbst bei den Resultaten dieser Hetze sei eine Doppelstrategie der Medien zu beobachten, wenn nach der Gewalt in Rostock die "verborgene Botschaft fast der gesamten Presse darauf hinauslief, das Problem rassistischer Übergriffe lasse sich dadurch lösen, daß man die Grenzen dichtmache, daß die 'unberechtigten' Flüchtlinge abgeschoben werden sollten. Der Grundtenor der Berichterstattung über rassistisch motivierten Terror muß deshalb nochmals als rassistisch bezeichnet werden." (123) Allerdings seien auch gegenläufige Tendenzen möglich und diskursiv anzustreben. Fazit des Buches: "Wir gehen also nicht davon aus, daß Rassismus eine notwendige Begleiterscheinung des Kapitalismus ist, auch wenn dieser sich den Rassismus zunutze machen kann. Auch in wie auch immer begrenzt demokratisch verfaßten kapitalistischen Gesellschaften läßt sich das falsche Wissen, das den Rassismus ausmacht, zurückdrängen, so lange dieser Kapitalismus auf Demokratie angewiesen ist." (194)
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.35 | 2.312
Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Margret Jäger / Siegfried Jäger: Gefährliche Erbschaften. Berlin: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6403-gefaehrliche-erbschaften_8708, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 8708
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Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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