/ 06.03.2014
Alice Schwarzer (Hrsg.)
Prostitution. Ein deutscher Skandal. Wie konnten wir zum Paradies der Frauenhändler werden?
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2013; 333 S.; 9,99 €; ISBN 978-3-462-04578-9Alice Schwarzer ist eine erklärte Gegnerin des deutschen Prostitutionsgesetzes von 2002, das Prostitution zu einem Beruf wie jeden anderen erklärt. Das von ihr herausgegebene Buch zeigt die Folgen dieses Gesetzes und gewährt den Leserinnen und Lesern einen Einblick in die Welt der Zuhälterei, des Menschenhandels und der sogenannten Sexarbeiterinnen. Berichte aus Großbordellen und O‑Töne von Freiern wurden zusammengetragen, und immer wieder kommen Prostituierte selbst zu Wort und schildern ihre Erfahrungen. Da ist von „Flatrate‑Clubs und Gangbang‑Veranstaltungen“ (84) die Rede oder vom „Discounter‑Prinzip“ – „[v]iele Männer, die wenig zahlen“ (110). Menschen, hauptsächlich Frauen, gelten hier als Ware. Und schnell entstehen Zweifel am Bild von der selbstbestimmten, freiwilligen Prostitution, wie es Befürworter_innen der derzeitigen Gesetzeslage zeichnen. Nur ein verschwindend geringer Anteil der Prostituierten ist wirklich unabhängig – was noch nichts über ihre psychische Situation aussagt; die meisten dieser Frauen sind schon früh im Leben Opfer von Missbrauch geworden. Im Interview mit Hauptkommissar Wolfgang Hohmann, Leiter des Stuttgarter „Ermittlungsdienstes Prostitution“, wird deutlich, was die Gesetzesreform 2002 für die Strafverfolgungsbehörden bedeutet: Die Möglichkeiten, kriminelle Hintermänner der Prostitutionsszene zu verfolgen, seien stark eingeschränkt, Klagen wegen Zuhälterei würden immer häufiger fallengelassen. „Es ist ja rechtsphilosophisch toll und wahnsinnig fortschrittlich, dass der Gesetzgeber dem Opfer die Definitionsmacht darüber gibt, ob es sich als Opfer fühlt. Nur ist die Realität leider völlig anders. […] Das Prostitutionsgesetz […] geht von Partnern auf Augenhöhe aus. Das ist aber Wahnsinn, eine totale Verkennung der Lage. Wir haben es hier meist mit eingeschüchterten, hilflosen, abhängigen Frauen zu tun.“ (117) Die Sozialarbeitern Sabine Constabel, die seit 22 Jahren Frauen in einem Prostituiertentreff betreut, fordert von der Politik konkrete Maßnahmen zur Stärkung der Prostituierten und zur Schwächung der Ausbeuter. Der Bericht über ihre Erfahrungen und Beobachtungen lässt die Leserinnen und Leser fassungslos zurück. Constabels Fazit: „Ich kenne unendlich viele Lebensgeschichten und kann nicht anders als zu sagen: Am sinnvollsten wäre es, Prostitution zu verbieten.“ (316)
Simone Winkens (SWI)
M. A., Politikwissenschaftlerin, Online-Redakteurin.
Rubrizierung: 2.35 | 2.343 | 2.36
Empfohlene Zitierweise: Simone Winkens, Rezension zu: Alice Schwarzer (Hrsg.): Prostitution. Köln: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36828-prostitution_45038, veröffentlicht am 06.03.2014.
Buch-Nr.: 45038
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M. A., Politikwissenschaftlerin, Online-Redakteurin.
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