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/ 31.03.2016
Michael Jonas / Ulrich Lappenküper / Bernd Wegner (Hrsg.)

Stabilität durch Gleichgewicht? Balance of Power im internationalen System der Neuzeit

Paderborn: Ferdinand Schöningh 2015 (Otto-von-Bismarck-Stiftung, Wissenschaftliche Reihe 21); 256 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-506-78374-5
Das Buch beginnt mit einem Zitat des britischen Politikers und Industriellen Richard Cobden (1804‑1865) von 1835: Die Balance of Power sei eine Chimäre, ein unbeschriebenes, unbeschreibbares, unvergleichbares Nichts. Cobdens polemische Ablehnung des Konzepts vom „Mächtegleichgewicht“ deutete, so die Herausgeber, „eine erstaunliche Sensibilität für Unzulänglichkeiten modischer Gleichgewichtsmetaphorik an, für den [...] in jedem Fall künstlichen Charakter des Begriffs“ (7). An Cobdens Diagnose habe sich in den folgenden Jahrhunderten wenig geändert: Die Forschung zu Tradition und Theorie des „Mächtegleichgewichts“ sei, wie es Paul W. Schroeder, „der Doyen der Gleichgewichtshistoriker“ (8), 1989 festgestellt habe, nicht zufriedenstellend. Daher ist die Zielsetzung des Sammelbandes eine Skizzierung von Genese und Ursprüngen des Gleichgewichtsdenkens unter der Fragestellung, inwiefern Gleichgewichtskonstruktionen das internationale System stabilisiert und den Frieden befördert haben – oder aber, mit Kant, „doch eher Kartenhäusern glichen, die zusammenbrächen, wenn sich nur ein Sperling auf ihnen niederlasse“ (10). Im späten 17. Jahrhundert, so Klaus Malettke, habe insbesondere Wilhelm III. von Oranien, der „hartnäckigste Gegner Ludwigs XIV.“ (20), ein Ordnungsprinzip der Balance of Power zur Eindämmung von Hegemonialmächten auf dem europäischen Kontinent verfolgt. Das habe zugleich eine britische Hegemonie auf den Weltmeeren begünstigt. Der Rekurs der antifranzösischen Koalition auf Gleichgewicht sei aber, so Malettke in kritischer Auseinandersetzung mit Paul W. Schroeder, mit einer friedenserhaltenden Intention, nämlich der Bewahrung eines multipolaren Staatensystems, verbunden gewesen. Bernhard R. Kroener und Timothy C. Blanning betonen in ihren Beiträgen, wiederum in kritischer Auseinandersetzung mit Schroeders These vom kulturellen Wendepunkt in der Diplomatie 1813‑15, den „eine Generation währenden Frieden“ (Blanning, 63) nach 1763. Nach Matthias Schulz betrachteten die Großmächte im 19. Jahrhundert ihre Sicherheit zwar in erster Linie aus dem Blickwinkel des Gleichgewichtsprinzips, dieses sei aber 1814/15 an die „Verfassung Europas“ (95) und die Konsultationspraxis („Friedenskultur“, 82) des europäischen Konzerts rückgebunden worden. An dieser viel diskutierten Gleichzeitigkeit von partikularen Machtinteressen und normativer Bindekraft wird die hohe Aktualität des empfehlenswerten Bandes auch für die politikwissenschaftliche Forschung deutlich. Das unterstreicht Michael Staack abschließend mit Perspektiven einer neuen Weltordnung im 21. Jahrhundert. Die dynamischen Machtverschiebungen und die Herausbildung einer multipolaren Welt bedürften multilateraler Kooperation, um steuerbar zu bleiben.
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Rubrizierung: 4.12.614.24.22 Empfohlene Zitierweise: Hendrik Simon, Rezension zu: Michael Jonas / Ulrich Lappenküper / Bernd Wegner (Hrsg.): Stabilität durch Gleichgewicht? Paderborn: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/39579-stabilitaet-durch-gleichgewicht_48119, veröffentlicht am 31.03.2016. Buch-Nr.: 48119 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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