/ 03.06.2013
Friedrich Stadler
Studien zum Wiener Kreis. Ursprung Entwicklung und Wirkung des Logischen Empirismus im Kontext
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1997; 1.035 S.; 128,- DM; ISBN 3-518-58207-0Überarbeitete Fassung der Habilitationsschrift an der Universität Wien. - Seit einigen Jahren erfreut sich die Philosophie des Wiener Kreises eines neuen wissenschaftlichen Interesses, wobei heute eine nüchterne Auseinandersetzung hiermit infolge des Bedeutungsverlustes philosophischer Lagerkämpfe begünstigt wird. Dies macht Stadlers monumentale Studie deutlich, die einerseits von einem historischen, andererseits von einem theoretischen Interesse geleitet wird und die Stadlers Überzeugung "von der Gegenwartsrelevanz dieser Thematik im Zeitgeist zwischen Moderne und Postmoderne" (19) entspringt. Vor dem Hintergrund eines profunden historischen Wissens zeichnet Stadler bis in kleinste Details die Geschichte des Wiener Kreises nach, wobei er immer wieder das Verhältnis des Kreises zum gesellschaftlichen Umfeld Österreichs und insbesondere Wiens in den Blick nimmt. Auf diese Weise entsteht ein nicht nur höchst lehrreiches, sondern nicht zuletzt durch den Abdruck zahlreicher Dokumente auch ein spannendes und kurzweiliges Stück moderner Wissenschaftsgeschichte. So präsentiert Stadler etwa erstmals originale Protokolle der Zusammenkünfte des philosophischen Zirkels, welche es ermöglichen, dessen interne Diskussion nachzuverfolgen. Daneben finden sich ein ausführliches Interview mit Karl Popper aus dem Jahre 1991 oder Dokumente über den Fall Moritz Schlick, eines der maßgeblichen Protagonisten des Wiener Kreises, der 1931 von einem seiner Schüler ermordet wurde. Als besonders verdienstvoll ist auch der als Nachschlagewerk verwendbare biobibliographische Teil des Buches hervorzuheben: In diesem präsentiert Stadler Kurzbiographien, umfangreiche Schriftenverzeichnisse, Hinweise auf die Forschungsliteratur und bisweilen sogar Übersichten der Lehrveranstaltungen von nicht weniger als 37 Personen aus dem Wiener Kreis und seiner Peripherie. Stadler legt mit seiner Arbeit nicht nur das vermutlich für lange Zeit maßgebliche Standardwerk zur Geschichte des Kreises vor, sondern er gibt auch ein hervorragendes Beispiel für moderne Wissenschaftsgeschichtsschreibung, das insbesondere unter methodischen Aspekten auch für die erst ganz am Anfang stehende historische Erforschung der deutschen Politikwissenschaft von Interesse sein dürfte.
Michael Henkel (MH)
Priv.-Doz. DR., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.2
Empfohlene Zitierweise: Michael Henkel, Rezension zu: Friedrich Stadler: Studien zum Wiener Kreis. Frankfurt a. M.: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/1114-studien-zum-wiener-kreis_1096, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 1096
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Priv.-Doz. DR., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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