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/ 20.06.2013
Dan Diner

Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt

Berlin: Propyläen Verlag 2006; 287 S.; 3. Aufl.; geb., 22,- €; ISBN 3-549-07244-9
Im vorderen Orient scheine die Zeit stillzustehen, die Gegenwart sei verloren, schreibt der Historiker Diner, Professor in Jerusalem und Leipzig, in seiner „Interventionsschrift“ (14). Als faktisch unbestreitbaren Ausgangspunkt seiner Analyse wählt er den von der UNO verantworteten Arab Human Development Report, in dem arabische Autoren die Entwicklungsrückstände und -hindernisse im Nahen Osten offenlegen. Dazu zählten „eine chronisch stagnierende Ökonomie, allseits eingeschränkte Freiheiten, abfallendes Bildungsniveau, eine blockierte wissenschaftlich-technische Entwicklung“ (26 f.) sowie die Diskriminierung der Frauen. Diner vertieft die in dem Report angelegten Erklärungsansätze, indem er die Entwicklungen in die vergangenen Jahrhunderte zurückverfolgt. Dabei hält er (ohne Klischees, nie polemisch) der arabischen Welt einen Spiegel vor. Dazu gehört die Erinnerung daran, dass das Osmanische Reich die Entdeckung Amerikas für belanglos gehalten und so seinen (bis heute wirksamen) wirtschaftlichen Niedergang selbst eingeleitet habe: Auf die Veränderungen im Welthandel durch die Einfuhr des amerikanischen Silbers sei nicht reagiert worden. Alles habe so gottgefällig sein sollen wie immer, weshalb auch Entwicklungen wie der Merkantilismus unterbunden und der Buchdruck mit 300 Jahren Verspätung eingeführt worden seien. Die zentrale These Diners lautet, dass alle Bereiche – Wirtschaft, Gesellschaft, Staat, Recht, Bildung – sakral imprägniert und damit versiegelt seien. Als besonders Beispiel hebt er das Hocharabisch hervor, der einzigen, von zu wenigen beherrschten Schriftsprache für viele Volkssprachen. Dieses sei vor allem die Sprache des Korans, der als unmittelbares, unveränderliches Wort Allahs gelte, wissenschaftliche Begriffe oder soziale Veränderungen würden nur schwer Eingang finden. Diners Analyse lässt den einzigen Schluss zu, dass die Versiegelung nur durch eine Verselbstständigung der einzelnen Lebensbereiche aufgebrochen werden könnte. Kein Moslem würde damit aufgefordert, seinen Glauben aufzugeben.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.632.22.234.15.34 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Dan Diner: Versiegelte Zeit. Berlin: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25813-versiegelte-zeit_29971, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 29971 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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