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/ 04.06.2013
Richard Stöss

Stabilität im Umbruch. Wahlbeständigkeit und Parteienwettbewerb im "Superwahljahr" 1994

Opladen: Westdeutscher Verlag 1997; 269 S.; brosch., 38,- DM; ISBN 3-531-13092-7
Stöss wertet zwei Längsschnittstudien zum "Superwahljahr" 1994 aus, die von 1994 bis 1997 "Wahlabstinenz, Wählerabwanderung und politische Issues" (Projekttitel) in der deutschen Wählerschaft untersuchten. Bemerkenswert ist der Umfang des Projekts: Die Projektgruppe, geleitet von Stöss, Lutz Erbring und Hans-Dieter Klingemann, und das durchführende Institut FORSA führten zum einen eine Bevölkerungsumfrage mit über 127.000 Personen in 5.636 Gemeinden durch. An jedem Werktag des Jahres 1994 wurde jeweils eine repräsentative Stichprobe von 500 Personen befragt; zudem fand im Oktober 1994 eine Vorwahlbefragung von 4.151 Personen statt. Der andere Teil der Untersuchung besteht aus einer Medieninhaltsanalyse aus sechs überregionalen Zeitungen, den Hauptnachrichtensendungen im Fernsehen und dpa-Meldungen. Die Leitfragen lauten: Ist die Wählerschaft flexibler geworden? Wie stabil bzw. mobil war sie 1994 und warum? Entgegen dem Mainstream der deutschen Parteien- und Wahlforschung folgert Stöss aus der Auswertung der Daten, daß das Wahlverhalten im Superwahljahr überwiegend durch eine im Laufe des Jahres noch zunehmende Parteitreue bestimmt war. Auch im Langzeitvergleich seit 1964 ist die Wählerschaft zwar etwas flexibler geworden, aber die Stabilität ist insgesamt ungebrochen. Die Parteien haben es 1994 geschafft, vor allem ehemalige Anhänger zu mobilisieren, nicht so sehr neue Wähler. Insbesondere die Union hat im Laufe des Jahres "ihre" Wähler zurückgewonnen, die zuvor verärgert waren, sich aber bei der konkreten Machtfrage doch in Loyalität übten: Der SPD gelang es also nicht, die Wechselwähler aus dem bürgerlichen Lager zu rekrutieren (237). Konstanz und Veränderungen im Wahlverhalten waren nicht von Beruf, Bildung oder Einkommen abhängig, sondern bei allen sozialen Großgruppen ähnlich – womit die soziostrukturelle Flexibilitätsthese verworfen werden kann. Allerdings lehnen Arbeitslose, Arbeiter und einfache Angestellte ("Modernisierungsverlierer", 232) das Parteienangebot insgesamt eher ab, wählen nicht oder sind unentschieden. Gründe für Parteiwechsel oder Nichtwahl lassen sich nicht folgern. Auch die Hypothese der Projektgruppe, nach der ein konstantes Wahlverhalten mit der Übereinstimmung von Wertorientierungen der Wähler einerseits und den jeweiligen Parteizielen andererseits zusammenhängt, bestätigte sich nicht.
Stefan Lembke (SL)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.3322.331 Empfohlene Zitierweise: Stefan Lembke, Rezension zu: Richard Stöss: Stabilität im Umbruch. Opladen: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/5121-stabilitaet-im-umbruch_6730, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 6730 Rezension drucken
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