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/ 05.06.2013
Hans-Hermann Hartwich

Die Europäisierung des deutschen Wirtschaftssystems. Alte Fundamente, neue Realitäten, Zukunftsperspektiven

Opladen: Leske + Budrich 1998; 368 S.; geb., 48,- DM; ISBN 3-8100-2181-4
Hartwich formuliert im Vorwort anspruchsvolle Ziele: Er sucht ein realitätsnahes Verständnis von Wirtschaft und Politik aus "ganzheitlicher Sicht" (11). Damit weist er die hochspezialisierten Fachwissenschaften in ihre Grenzen. Sie würden zwar objektiv richtige Aussagen treffen, aber der Komplexität der Lebenswelt nicht gerecht werden. Es sei beispielsweise zu kurz gedacht, wenn als Reaktion auf die Globalisierung erhebliche soziale Einschnitte zur Standortsicherung vorgeschlagen würden, denn sozialer Unfrieden und politische Radikalisierung kämen den Staat letztendlich viel teurer. Angesichts der Komplexität der Lebenswirklichkeit könne man kein alleingültiges Modell der Wirtschaftsordnung zeichnen. Die Ökonomie müsse immer eingebettet sein in gesellschaftlich-politische Aspekte. Dementsprechend holt Hartwich weit aus und bearbeitet auf der Suche nach den Zukunftsperspektiven der deutschen Wirtschaft im europäischen System auch historische, rechtliche und ökonomische Fragen. Auf den ersten 66 Seiten läßt er die Entwicklung der deutschen Wirtschaftspolitik vom letzten Jahrhundert bis in die achtziger Jahre Revue passieren, auch im Vergleich zu Frankreich und Großbritannien. Anschaulich wird die Entwicklung der diese Politik prägenden Wirtschaftstheorien nachgezeichnet: der ORDO-Liberalismus der Freiburger Schule, der bis in die 60er Jahre erfolgreich war, das keynesianische System der konjunkturellen Marktsteuerung unter der sozialliberalen Koalition, und schließlich die Rückkehr zu neoliberalen Elementen nach Milton Friedman seit 1982. In Kapitel 3 beschreibt Hartwich die veränderten Rahmenbedingungen für die deutsche Wirtschaft in den neunziger Jahren, insbesondere durch deutsche Vereinigung, EU und Globalisierung. Die immensen Agrarsubventionen und Strukturhilfen für unterentwickelte Regionen durch die EU seien auch Teil des deutschen Wirtschaftssystems geworden. Statt der Einführung von mehr neoliberalen Elementen sei die Brüsseler Wirtschaftspolitik schon seit den fünfziger Jahren den Strukturen der französischen Planification verhaftet, mit der Marktordnungen entworfen und politisch ausgehandelt würden. Auf die Erosion vertrauter Strukturen (Kapitel 4) müssen nach Hartwich entsprechende Antworten gefunden werden. Der Autor thematisiert die Konzentrationsprozesse global agierender Großunternehmen, die Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit und die Erosion der Tarifautonomie. Eine Erosion des Sozialstaats zöge wirtschaftliche Verschlechterungen nach sich. Der Wohlfahrtsstaat sei ein "eigener Wirtschaftsfaktor" und hätte "als Motivationsgrundlage [...] sogar Vorteile gegenüber stärker expandierenden Wirtschaften ohne jede sozialpolitische Rücksichtnahme" (219). In Kapitel 5 werden Ist-Zustände reflektiert und Zukunftsszenarien erörtert, die sich an bereits bekannte Entwürfe anlehnen (Berichte an den Club of Rome 1995 und 1998). Grundelement einer nachhaltigen, kooperativen und leistungsfähigen Wirtschaftspolitik ist demnach zum einen die Internalisierung von Umweltkosten, zum anderen eine Umgestaltung der Arbeitsgesellschaft aufgrund einer Entwicklung, die Hannah Arendt ("Viva activa") bereits vor vierzig Jahren voraussah: Der Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit aus. Danach treten neben die bezahlte Erwerbsarbeit die produktive, freiwillige und nichtmonetarisierte Arbeit, insbesondere in den Bereichen Gesundheit, Soziales, Kultur und Politik. Dieser "Dritte Sektor" könne finanziert werden aus der Einführung von Schattenlöhnen für freiwillige Arbeiten oder einer Mehrwertsteuer auf High-Tech-Produkte und –Dienstleistungen (271 f.). Neben einer Deregulierung auch in der öffentlichen Verwaltung (Abbau von Verwaltungsvorschriften und –mitarbeitern) werden nach Hartwich "Wissen, Bildung und breite Qualifikationen [...] die Zukunft der nationalen Volkswirtschaften maßgeblich bestimmen" (309).
Stefan Lembke (SL)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.33.72.342 Empfohlene Zitierweise: Stefan Lembke, Rezension zu: Hans-Hermann Hartwich: Die Europäisierung des deutschen Wirtschaftssystems. Opladen: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6899-die-europaeisierung-des-deutschen-wirtschaftssystems_9247, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 9247 Rezension drucken
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