/ 31.05.2013
Alexander Fischer / Günther Heydemann (Hrsg.)
Die politische "Wende" 1989/90 in Sachsen. Rückblick und Zwischenbilanz
Weimar/Köln/Wien: Böhlau Verlag 1995 (Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung 1); 276 S.; geb., 48,- DM; ISBN 3-412-07995-2Das Hannah-Arendt-Institut Dresden wurde durch den Sächsischen Landtag 1991 gegründet, um die Folgen von sechzig Jahren totalitärer Herrschaft durch NSDAP und SED für die wiedervereinigte Bundesrepublik zu erforschen. Der vorliegende erste Band der eigenen Schriftenreihe gibt eine erste Zwischenbilanz der Forschung. Die Beiträge entstammen einer Tagung vom November 1994 im Sächsischen Landtagsgebäude. Dabei wollte man die Vielzahl der lokalen und regionalen Wenden in der DDR am Beispiel des sächsischen Raumes darstellen. Dieses Vorhaben ist leider nur zum Teil gelungen. Ob und was eine regionale Perspektive zum Verständnis des Problems "Wende" beitragen kann, sofern es überhaupt einen eigenständigen Faktor "Region" gibt, oder ob sie nicht vielmehr eine "Sphinx ohne Geheimnis" (Heinrich Best) ist, hätte eine gute Leitfrage sein können. So zeigen etwa die Vorgänge in Wurzen und Plauen, daß im kleinstädtischen Raum schon früh der Wunsch nach Wiedervereinigung die Agenda dominierte. Die Fallstudien machen deutlich, wie wenig man auf dieser Ebene von einer "Revolution" reden kann, da die internationalen Rahmenbedingungen für den Kollaps der DDR weitaus wichtiger waren als das geordnete "Montagen" der Bürger. Anders waren die Verhältnisse in Großstädten wie Leipzig. Hier kam es nur sukzessive zur Entmachtung der lokalen Gremien durch alternative Machtträger. Einen "typisch sächsischen" Weg der Wende versucht alleine Richter in dem frühen Wunsch nach föderaler Neuordnung nachzuweisen. Er erklärt ihn mit tradierten Antipathien der Sachsen gegen den Berliner SED-Zentralismus. Es hätte sich gelohnt, dieser und anderen Fragen nach regionaler Varianz des Wende-Prozesses systematischer nachzugehen. So bleibt am Ende unklar, was regionales Residuum und was lediglich Epiphänomen ungleicher Sozial- und Wirtschaftsstrukturen ist.
Aus dem Inhalt: Alexander Fischer / Michael Richter: Die beiden deutschen Staaten in den internationalen Beziehungen bis zum Besuch Gorbatschows in der Bundesrepublik Deutschland im Juni 1989 (25-44); Günther Heydemann / Thomas Schaarschmidt: Innenpolitische Voraussetzungen und Etappen der "Wende" in der DDR (45-70); Cornelia Liebold: Zwischen zentralistischer Abhängigkeit und demokratischem Neubeginn. Leipziger Kommunalpolitik in der Wende 1989/90 (71-116); Cornelia Schlegelmilch: Die politische Wende in der DDR am Beispiel der sächsischen Stadt Wurzen (117-146); Thomas Küttler: Die Wende in Plauen (147-156); Michael Richter: Räte, "Volksvertretungen", Runde Tische. Die Entwicklung der staatlichen Struktur im Bezirk Dresden bis zur Wahl des sächsischen Landtages im Oktober 1990 (157-188); Hartmut Zwahr: Die Revolution in der DDR 1989/90 - eine Zwischenbilanz (205-252); Lothar Fritze: Gewinne und Verluste im Vereinigungsprozeß. Über die Unvermeidlichkeit von Ereignisambivalenz im Systemwechsel (253-269).
Christopher Hausmann (CH)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.313 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Christopher Hausmann, Rezension zu: Alexander Fischer / Günther Heydemann (Hrsg.): Die politische "Wende" 1989/90 in Sachsen. Weimar/Köln/Wien: 1995, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/485-die-politische-wende-198990-in-sachsen_248, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 248
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M. A., Politikwissenschaftler.
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