/ 05.06.2013
Susanne Angerhausen / Holger Backhaus-Maul / Claus Offe / Thomas Olk / Martina Schiebel
Überholen ohne einzuholen. Freie Wohlfahrtspflege in Ostdeutschland
Opladen: Westdeutscher Verlag 1998; 333 S.; kart., 68,- DM; ISBN 3-531-13298-9Auch diese Untersuchung bestätigt einen generellen Befund der bisherigen, auf die deutsche Vereinigung bezogenen Transformationsforschung: Art und Verlauf der Implementation westdeutscher Institutionen in den neuen Bundesländern hängen im hohen Maße von spezifischen Gegebenheiten des jeweiligen Politikfeldes ab, zu denen nicht nur gesetzliche Regelungen und Organisationsstrukturen, sondern ebenso Handlungsroutinen und Werthaltungen der beteiligten Akteure gehören. Ob sich also im Bereich der Wohlfahrtspflege - einigungsbedingt - ein Duplikat der westdeutschen Situation oder aber ein eigenständiger ostdeutscher Entwicklungspfad herausbildet, ist eine empirische Frage, die nur anhand einer detaillierten Analyse des Institutionalisierungsprozesses entschieden werden kann. So beruht die vorliegende Untersuchung auf umfangreicher empirischer Arbeit (120 Experteninterviews mit Akteuren der ostdeutschen Wohlfahrtspflege sowie eine flächendeckende schriftliche Erhebung von Trägern und sozialen Diensten in zwei ostdeutschen Bundesländern). Der an DDR-Rhetorik anspielende Titel deutet ironisch eine Antwort an, derzufolge sich in Ostdeutschland ein Modus der freien Wohlfahrtspflege abzeichnet, der stärker als im Westen an professioneller (entpolitisierter) Dienstleistung in einem mit Wettbewerbselementen ausgestatteten Quasi-Markt orientiert ist (304 ff.). Die Studie geht auf ein DFG-gefördertes Forschungsprojekt zurück, das in Kooperation zwischen dem Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg durchgeführt worden ist.
Aus dem Inhalt: 2. Geschichte und Strukturen der freien Wohlfahrtspflege in der Bundesrepublik Deutschland; 3. Der fürsorgliche Sozialstaat: Soziale Dienste in der DDR; 4. Die politische Steuerung des Aufbaus der freien Wohlfahrtspflege: 4.1 Konservativer Institutionentransfer: "Bewährtes bewahren"; 4.2 Landespolitischer Eigensinn; 4.3 Der Aufbau freigemeinnütziger Träger in ostdeutschen Kommunen; 4.4 Gestaltungsspielräume kommunaler Subsidiaritätspolitik. 5. Der Caritasverband in der Diaspora: Die Umstrukturierung eines konfessionellen Wohlfahrtsverbandes: 5.1 Gründung und historischer Verlauf; 5.2 Caritas in der DDR; 5.3 Der Umbau der Diözesanverbände; 5.4 Umbau der kommunalen Caritasverbände. 6. Die Diakonie zwischen christlicher Liebestätigkeit und politischem Alltag: 6.1 Vom Milieuverein zum Wohlfahrtsverband: Die Entwicklung der Diakonie in Deutschland; 6.2 Unter dem Dach der evangelischen Kirche: Die Diakonie in der DDR; 6.3 Der Umbau der Diakonie in den neuen Bundesländern. 7. Soziale Heimat für ältere DDR-Bürger: Die Volkssolidarität: 7.1 "Volkssolidarität gegen Wintersnot": Die Jahre 1945 bis 1949; 7.2 "Tätigsein, Geselligkeit, Fürsorge": Die Volkssolidarität in der DDR; 7.3 Die Volkssolidarität im Prozeß der deutschen Vereinigung. 8. Geschwindigkeit zahlt sich aus: Das Deutsche Rote Kreuz: 8.1 Geschichte und Struktur des Deutschen Roten Kreuzes; 8.2 Zwei deutsche Staaten - zwei Organisationen; 8.3 Die deutsche Vereinigung: Von der Massenorganisation zum Wohlfahrtsverband; 8.4 Neue Organisationsstrukturen: Die Gründung von Landes- und Kreisverbänden; 8.5 Änderungen der Leistungsstruktur. 9. Die Arbeiterwohlfahrt als verschlankter Wohlfahrtsverband: 9.1 Vom sozialpolitischen Interessenverband zum Leistungsträger: Die Entwicklung der Arbeiterwohlfahrt in Deutschland; 9.2 Vom AWO-Gründer zum "Bezirkschef" in Neu-Brühl; 9.3 "Die Macherinnen" von Salzstetten; 9.4 Die AWO in Ostdeutschland auf der Suche nach sich selbst: Gesetzliche Pflichtaufgaben, betriebliche Organisationsformen und professionelle Leistungserbringung. 10. Der Paritätische Wohlfahrtsverband in der Zwickmühle: 10.1 Gründung und historische Entwicklung; 10.2 Aufgaben und Selbstverständnis; 10.3 Deutsche Vereinigung: Zurückhaltung von oben und Druck von unten; 10.4 Das Selbstverständnis des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in den neuen Ländern. 11. Die neu entstandenen selbstorganisierten Initiativen und Vereine: 11.1 Aufgabenbereiche und Strukturen selbstorganisierter Initiativen in den Untersuchungsregionen; 11.2 Fallstudien zur Entstehung selbstorganisierter Initiativen: Gründungsmuster, Zielsetzungen und sozialpolitisches Selbstverständnis; 11.3 Förderung selbstorganisierten Engagements in den neuen Bundesländern. 12. Soziale Dienste und Einrichtungen in den neuen Bundesländern: 12.1 Ein neuer Trägermix entsteht; 12.2 Strategische Verhandlungsmasse kommunaler Sozialpolitik: Die sozialen Dienste und Einrichtungen der Altenhilfe; 12.3 Die Mauerblümchen: Soziale Dienste und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe; 12.4 Das Personal in sozialen Diensten und Einrichtungen. 13. Überholen ohne einzuholen? Die Entwicklung der freien Wohlfahrtspflege in Ostdeutschland.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.313 | 2.342
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Susanne Angerhausen / Holger Backhaus-Maul / Claus Offe / Thomas Olk / Martina Schiebel: Überholen ohne einzuholen. Opladen: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7524-ueberholen-ohne-einzuholen_10018, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10018
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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